Medienhäuser, eure Online-Werbung!

Kurze Frage: Sieht das hier nach Werbung aus, die einem seriösen Medienhaus würdig ist?

Natürlich nicht. Dieser Quatsch kommt von Werbenetzwerken, die behaupten, sie könnten “Native Advertising” betreiben, aber tatsächlich ist deren “Native Advertising” eher ein wilder Mix aus Betrügern und dummen Inhalten.

  1. Die Werbungen im Detail
    1. RAID: Sexy Legends
    2. Schwindel mit Schwindlern
    3. Geraune mit Versicherungen
    4. Alufolie um Kopf und Türgriff
  2. Seriöse Werbenetzwerke für seriöse Angebote?
  3. Kurze Frage an die Medienhäuser und Redaktionen

Die Werbungen im Detail

RAID: Sexy Legends

Die hübschen Frauen sind vielleicht aus irgendeinem Spiel (wahrscheilich: bei ersterer ist eine Skyrim-mod, bei zweiterem ein KI-Bildgenerator), aber auf jeden Fall nicht aus RAID. Und nein, RAID ist auch nicht das realistischste Spiel des Jahres 2023, denn es ist weder super realistisch…

…noch ist es aus dem Jahr 2023 (sondern 2018).

Gleiches gilt nebenbei für Forge of Empires, das “beste Strategiespiel aller Zeiten”, was tatsächlich in 2012 und 2013 in ein paar eher unbedeutenden Awardzeremonien nominiert wurde und eine noch unbedeutendere gewonnen hat.

Aber zurück zu RAID. Wenn man die Werbung klickt, bekommt man eine volle Ladung Porn-bait

Egal, welche Optionen gewählt werden, der Fragenkatalog rattert seine 8 Schritte durch und dann landen wir auch schon bei RAID – nur diesmal mit dem Vorwissen, dass wir bis Level 10 spielen müssen, bevor die “versteckten” “18+”-Inhalte kommen, die die “volle Aufmerksamkeit” verlangen.

Schwindel mit Schwindlern

Gucken wir uns als nächstes unseren dreifachen Heiligen an, der gerade einen Level99-Engel heraufbeschwört oder so.

Wenn wir uns den anklicken, landen wir auf “Ratgeber der Gesundheit”. Das “Magazin” hat genau 5 “Artikel”, die alle der dünnste vorstellbare Inhalt sind: “33 Lebensmittel für bessere Abwehrkräfte” sind 33 Lebensmittelnamen ohne nähere Erläuterung, gefolgt von einer Liste von Vitaminen, ebenfalls ohne nähere Erläuterung, gefolgt von der Standard-Zufuhr-Tabelle – das ist alles. Und auf dieser unglaublich dünnen Seite steht ein Klopper von Advertorial über irgend ‘ne Medizin gegen Schwindel:

Aus diesem Advertorial (und der mehrfach verlinkten Shopseite) geht eine Sache nicht hervor. Zwar wird Naturheilkunde, Heilpflanze, Arzneimittel alles mehrfach erwähnt, aber das eigentlich Wichtige steht klein und nicht lesbar ganz unten – mit einem Kontrast von 2.75:1, was bei schlechteren Augen und/oder Bildschirmen eher wie Schneemann im Schneesturm aussieht. Darum hier noch mal ganz groß:

Das Angebot ist kein Ersatz für Medikamente oder andere Behandlungen, die von einem Arzt oder Gesundheitsdienstleister verschrieben werden.

Dieses Produkt ist nicht dazu bestimmt, Krankheiten zu diagnostizieren, zu behandeln, zu heilen oder zu verhindern.

Wirkstoffe: Anamirta cocculus Dil. D4, Gelsemium sempervirens Dil. D5. [Produkt] wird angewendet entsprechend dem homöopathischen Arzneimittelbild

Es ist also Homöopathie, die aber nicht mal den Anstand hat, diesen Fakt offen zuzugeben.

Geraune mit Versicherungen

“Krankenkassen verheimlichen”, “Pflegekassen verheimlichen” – mit diesen Formulierungen wird etwas sehr natürliches (“wer seinen Berater nicht fragt, bekommt auch keine Beratung”) als skandalös dargestellt, und direkt die Lösung präsentiert: Beratung von anderen Versicherungen/Kassen/Anbietern.

Ob die beworbenen Berater was taugen oder nicht, kann ich an dieser Stelle nicht beantworten, zwielichtig ist diese Werbemasche allemal.

Alufolie um Kopf und Türgriff

Wir sind offiziell bei Clickbait-Werbung angekommen. Wenn bei den vorherigen Werbungen zumindest noch irgendwo eine Verbindung zwischen der Werbung und dem, was tatsächlich angeboten wurde (und die Verbindung war schon dünn!), haben wir hier jeglichen Zusammenhang verloren. Die Seite hat 100 Sicherheits-Tipps, jeder Tipp mit 2x Werbung eingebettet, und keiner erwähnt Alufolie! Stattdessen:

  • 1. Ersetzen Sie die Schrauben der Türscharniere durch längere
  • 28. Verwenden Sie immer eine Firewall zum Schutz des Wifi-Netzwerks
  • 81. Geld im Katzenklo verstecken
  • 89. Rutschfeste Badematten für jede Wanne und Dusche kaufen

Da freuen wir uns doch auf die nächsten Artikel des Seite:

Diese Contentschleudern verkaufen nix, aber sie bieten unendlich Werbefläche. Will heißen, was auch immer an Werbegeld an den Spiegel oder die Zeit rausgeht, kommt vielfach wieder rein durch die Menge an Werbung auf der Contentschleuder selbst.

Seriöse Werbenetzwerke für seriöse Angebote?

Die müllspuckenden Werbenetzwerke sind hier vor allem Outbrain und Taboola. Das soll nicht heißen, dass die anderen Netzwerke irgendwie großartig besser sind – Google Ads verbreitet Malware seit Dezember, und das haben sie anscheinened immer noch nicht in den Griff bekommen. Google und Facebook stehlen dazu auch noch Geld von sowohl Werbetreibenden als auch Medienhäusern.

Outbrain behauptet zwar, diverse Dinge nicht zuzulassen, in der Praxis lohnt es sich für sie aber nicht, zu genau hinzuschauen. Eine Inhaltsplatform, die voller Spam ist, ist ungemütlich für die Menschen, die sie verwenden wollen und der Spam kostet auch noch Hostinggebühren. Ein Werbenetzwerk, das voller Spam ist, macht Geld.

Der Übergang von ordentlicher Werbung zu unlauterer Werbung und Spam ist fließend, doch im Fall von Taboola und Outbrain ist niveaulose Clickbait-Werbung nicht nur im Programm, sondern sogar auf der Startseite vorgestellt:

In anderen Worten, wenn man Werbenetzwerke irgendwie nach aktiv gewollter Qualität der Werbetreibenden sortieren kann, dann sind Outbrain und Taboola irgendwo ganz unten. Selbst TrafficJunky (das ist PornHub’s Werbenetzwerk, bekannt für “Willige Frauen in deiner Nachbarschaft”) sagt nicht so explizit, dass sie Müll in ihrem Netzwerk haben wollen.

Kurze Frage an die Medienhäuser und Redaktionen

Grundsätzlich sollten sich die Medienhäuser jetzt eine Frage zum Native Advertising stellen:

Angenommen, Native Advertising funktioniert, weil die Leute eher redaktionell aussehende Inhalte lesen, und die Glaubwürdigkeit der Publikation die Glaubwürdigkeit der Werbung mit beeinflusst…
heißt das nicht im Umkehrschluss, dass mülliges Native Advertising die Glaubwürdigkeit der Redaktion ruiniert?

YouTuber kennen schon längst diesen Zusammenhang. Wer zu schnell, zu früh und/oder zu oft fragwürdige Sponsorships akzeptiert wird öffentlich von den eigenen Fans geröstet. YouTuber trennen sich oftmals bei den kleinsten Anzeichen von Fehlverhalten der Sponsoren von selbigen, teilweise haben sie ganze Forensektionen dediziert, um ja nichts zu verpassen. YouTuber bauen sich Vertrauen aus dem Nichts auf, das gilt gleichermaßen für einzelne Influencer wie Rezo als auch für größere Produktionen wie Kurzgesagt.

Warum müssen Medienhäuser dann ihre Glaubwürdigkeit mit einfach zu vermeidenden Müll verspielen?

Ich sage: Schaltet algorithmisch ausgespieltes Native Advertising aus. Wenn ihr unbedingt Native Advertising machen wollt, guckt euch zumindest vorher an, wer bei euch so tun darf, als sei er ein “Vorgeschlagener Artikel”. Und wie der Artikel/das Advertorial aussieht. Outbrain hat kein Problem damit, euch “Wundervoll aggressive Windschutzscheibennotizen, die du unbedingt klauen solltest” auf die Hauptseite zu setzen.

Und ihr?