Der Mob und die Bots

“Du und Killer-Kalle werden heute zusammenarbeiten”, sagte der Don und zeigte auf einen erstaunlich dürren Burschen schräg rechts von mir.
“Was ist der Auftrag?”
“Erzählt dir Kalle auf dem Weg.”

Wir stiegen in den Wagen ein. Er machte auf mich keinen besonders vertrauenswürdigen Eindruck. Rostig war er zwar nicht zu sehr, aber die Innenverkleidung war zum großen Teil rausgerupft und durch so unscheinbare Teile wie Maschinenpistolen und Raketenwerfer ersetzt. Statt einer Rückbank hing ein Netz im Wagen, wohl für Hunde. Selbst die Anschnallgurte waren nicht mehr vorhanden, stattdessen sollte man sich mit dürren Kabeln festscshnallen. Vielleicht, damit man im Falle eines Unfalls erst recht gevierteilt wird und keine Informationen an die Polizei weitergeben konnte. In Anbetracht der vielen Sachen konnte ich mir schon vorstellen, was uns in etwa erwartete, aber ich guckte Kalle trotzdem erwartungsvoll an. Er reagierte nicht. Den Blick starr nach vorn gerichtet fuhr er los.

“Du, Kalle…”
Kalle reagierte nicht. Merkwürdiger Kerl.
“Warum nennen sie dich Killer-Kalle?”
“Ich werde Killer-Kalle genannt, weil ich Menschen töte.”
Da wäre ich fast auch selbst drauf gekommen.
“Was ist unser Auftrag?”
“Unser Auftrag ist: In Gebäude eindringen und Zielpersonen eliminieren.”
“Geht das auch noch etwas genauer?”
Kalle schwieg. Ich bekam Rückenschmerzen davon, diese Konversation zu tragen. Kalle interessierte das nicht. Er guckte weiterhin stur nach vorn.

“Vorsicht, die Ampel ist rot!”
Kalle fuhr trotzdem gerade rüber. Reifen quietschten, Autos hupten, doch Kalle guckte stur nach vorn.
“Bist du irre? Warum bist du da gerade einfach rüber gebrettert?”
“Es war kein Auto in Reichweite, das uns hätte treffen können.”
“Woher weißt du das denn, du guckst dich doch nicht mal um!”
“Ich gucke immer um.”
“Hä?”
“Wir sind da.”
Wir standen vor einem großen, runden Gebäude. Ich hatte es vorher schon mal gesehen, wusste aber nicht, in welchem Kontext. Vielleicht irgend ein Stadion aus der Sportschau.

“Was ist jetzt genau unsere Zielperson?”
“Alle.”
“Nichts leichter als das”, sagte ich und griff zum Raketenwerfer.
“Nein.”
“Was sonst?”
“Öffne das Fenster.” Sehr witzig. Das ganze Gebäude war ein einziges großes Fenster, zusammengehalten mit ein paar Stahlstreben.
“Welches Fenster?”
“Alle.”
Also doch der Raketenwerfer.

BOOM!
Tausend Fenster zerflogen in noch mehr Stücke. Ich drehte mich wieder zu Kalle um
“Und jetzt?”
Irgendwas summte im Kofferraum.
“Sind das Bienen?”
“Nein.”
Ich drehte mich um und versuchte, einen besseren Blick nach hinten zu bekommen. Die Bienen waren Drohnen. Also, welche von der ferngesteuerten Art. Sie flogen in gerader Linie vom Kofferraum in das Gebäude, vorbei an den heraneilenden Polizisten.
“Die Bullen kommen!”, rief ich.
“Nein.”
“Wie, nein? Das ist ein Fakt! Fahr los, sonst umzingeln sie uns!”

Doch es war zu spät. Direkt der erste Schuss traf Kalle. Ich verkroch mich um Fußraum. Weitere Schüsse krachten. Das Summen der Drohnen hörte urplötzlich auf. Ich guckte Kalle an.
Sein Gesicht war aufgeklappt, ein Display war zu sehen. Auf ihm stand:

/**********************
* MOB-OS 4.2-23~1337 *
**********************/

root@iot:~# make mission
{"mission":"töten",
"details":{
"gebäude":"eu-parlament",
"person": true,
"grund":"urheberrechtsverletzung",
"methode":"TlO2gcs1YvM"
}
}
E: WLAN_MODULE DISCONNECT
E: CANNOT CONTINUE MISSION
exiting

Der Geheimdiensthacker

Die Mächtigen der Welt waren in Aufruhr. Es gab ein Datenleck, strikt von Geheimdienstinterna von scheinbar zufälligen Ländern. Mittlerweile war schon gut ein Drittel aller Länder betroffen. Eine koordinierte weltweite Ermittlung hätte eigentlich schon lange passieren müssen, doch jeder war verdächtig: Warum waren “Wir treffen uns am Mittwoch für Pizza” die einzigen veröffentlichten Daten des Geheimdiensts von Kleinwenigstan? Hatte es einfach keinen arbeitenden Geheimdienst, oder war der Geheimdienst eigentlich der Hacker, der sich selbst nicht verraten wollte? Schlimmer noch, jede versuchte Ermittlung gegen irgendwen resultierte darin, dass die gesuchte Person entweder gewarnt wurde und untertauchte, oder im Falle eines anderen Geheimdienstes, dass die diplomatischen Beziehungen sich sofort verhärteten. “Freunde ausspionieren – das geht gar nicht”, wie es so schön hieß. Innenpolitisch hieß es dann “Wir müssen die Strafen verhärten” und “Wir brauchen erweiterte Befugnisse für die Polizei.”

Es begab sich zu dieser Zeit, dass ein Hackercongress tagte. Ich war natürlich dabei, schließlich war ich der Grund für das Leiden der Mächtigen. Mein Vortrag, “Das offene Geheimnis”, war genau darüber, doch das stand nirgends. Mir war bewusst, dass ein öffentlicher Vortrag so ziemlich der schnellste Weg war, geschnappt zu werden, doch ich glaubte, mich gut vorbereitet zu haben. Was mein Herzrasen natürlich nicht verminderte, und so kurz vorm Vortrag war zusätzliche Nervosität natürlich auch nicht wirklich förderlich. Ich atmete tief ein, langsam wieder aus und betrat die Bühne.

Im Vortrag erklärte ich, wie Kaskadenhacking funkioniert. Man nehme einen Exploit, wende ihn gegen einen anderen Geheimdienst oder andere kriminelle Organisation an, stehle alle von deren Daten inklusive weiteren Exploits und wende diese wiederum an weiteren Organisationen an. In einer Zeit des “offenssiven Cyberwarfares” hatte jeder irgendwie irgendwelche Lücken, die er ausnutzen wollte. Nur mein Ziel war rücksichtsloser und nicht auf Geheimnis gedacht.

Bei den Mächtigen der Welt kam indes Bewegung auf. Hubschrauber starteten. Die Mächtigen hatten zweifelsohne mittlerweile meine Identität aufgezeichnet. Dürrer Schwächling im schwarzen Kapuzenpulli, mit kurzen, braunen Haaren, die seit langem nicht mehr gewaschen wurden. Dazu noch eine markante Knubbelnase. Ich hatte noch 7 Minuten.

Ich brach meine Ausführungen über die Exploits ab und fing mit einer Erklärung der Selbstverteidigung an. TOR. Identitätsdiebstahl von Vorgesetzten. Keine Prahlereien. Anonymes melden der Sicherheitslücken an die Verantwortlichen. Noch 4 Minuten.

“Um meine letzte Verteidigungsmethode zu demonstrieren, werde ich ein wenig Zuschauerbeteiligung brauchen. Ja, das ist doof, weiß ich. Steht mal alle auf und lauft quer durch die Gegend. Also, nicht so, dass man jemanden anrempeln würde, sondern einfach nur kreuz und quer, als wäre man in einer Fußgängerzone ohne Ziel. Wo ihr schon dabei seid, nehmt jeglichen Müll mit, den ihr finden könnt.”

Ich stellte einen kunterbunten Countdown mit Musik an und dunkelte die Bühne ab. Ich musste das Mikro abschalten und so schnell wie möglich untertauchen. Noch 3 Minuten.

Ich sprang in die Menge. Noch konnte ich nichts machen, noch wussten die Leute hinter mir, wer ich war. Doch ich bewegte mich schnell durch die Menschenmassen. Noch 2 Minuten.

Ich bückte mich, um eine Flasche aufzuheben. In der gleichen Bewegung nahm ich meine Perücke und Nase ab. Die Nase stopfte ich in die Flasche, dort würde sie niemand suchen, bis es zu spät ist. Doch wo hin mit der Perücke? Ich lief zu einem der Mitarbeiter, der gerade den Raum verlassen wollte, und fragte ihn, ob er nicht die Perücke zum Fundbüro bringen könne. Klar könne er das, meinte er. Der Countdown war abgelaufen, auf der Leinwand stand nun “Und denkt dran: Ihr habt nichts gesehen”. Doch es kam niemand. Das Licht ging wieder an.

Mir wurde heiß. Irgendwas an meinem Plan schien schiefzulaufen, und ich hatte keine Kontrolle mehr über das Geschehen. Hatte man meine Verkleidung doch durchschaut? Wollte man gar nicht den Saal stürmen?

“Hey du!”, rief jemand. Ich zuckte zusammen. “Du siehst gar nicht gut aus.”
“Ich… was? Ach so, ja, mir ist etwas warm.” Ich hatte komplett vergessen, dass ich den Pulli noch ausziehen und umkrempeln wollte.
“‘Etwas warm’ ist normalerweise nicht aschfahl im Gesicht. Komm mal mit in den Erste-Hilfe-Raum.”
“Aber… ich…” Meine Kehle war wie zugeschnürt.
“Ja, genau. Komm, hier”, sagte sie und legte meinen schlaffen Arm über ihre Schulter.

Der Saal hatte tatsächlich nicht gestürmt werden sollen. Man hatte einfach die Gänge, die ins Freie führten versperrt.

“Kann ich mal durch, kann ich mal durch, medizinischer Notfall”, rief meine Begleiterin. Die Menge vor dem Checkpoint teilte sich, wir standen nun direkt vor den Beamten.
“Name und Ausweis bitte.”
“Welchen Teil von medizinischer Notfall verstehst du nicht?”
“Das ist ein Befehl von…”, fing der Beamte an.
“Ach komm”, unterbrach ihn sein Kollege, “die beiden sind doch eindeutig nicht unser Ziel.”
“Wir haben den Befehl”, fing der Beamte schon wieder an, doch den Rest hörte ich schon nicht mehr.

Als ich wieder aufwachte, war ich in einem kleinen Raum mit Betonwänden auf einer Pritsche. Im Gefängnis also. “Hey, du bist wieder wach!”, sagte jemand. Es war meine Begleiterin. “Du bist gerade im Erste-Hilfe-Raum. Hast du irgendwelche Vorerkrankungen oder Medikamente, von denen ich wissen sollte?”
“Nein. Nein, das war grade nur der Stress, glaub ich.”
“Was hat dich denn so gestresst?”
“Na, die Polizei und das alles.”
“Die hattest du erst gesehen, nachdem ich dich rausgeschleppt hatte.”
“Ach, ich weiß es doch auch nicht.”
“Ich denke, es hatte was mit deinem Vortrag zu tun.”
“Ja, das war es wahrschei… moment. Ich hab doch gar keinen Vortrag gehalten.”
“Aber natürlich hast du das getan, danach hattest du mir diese Perücke gegeben.”
“Fuck.” Ich versuchte zur Tür zu rennen, aber meine Beine gaben unter mir nach. Die Krankenschwester fing mich.
“Aber nicht doch, Kleine. Wir sind hier alle auf deiner Seite. Deine Verkleidung war klasse. Sag mir einfach nicht, wie du heißt, nimm deine Perücke mit und verbrenne sie. Niemand wird ein so hübsches Mädel wie dich mit dem öligen Hacker verwechseln.”

Der Zeitreisende

Der Zeitreisende kam mit seinem Truck in der Vergangenheit an. Er hatte viele, viele schöne Dinge mitgebracht, teils, weil er den Menschen der Vergangenheit etwas von der Zukunft erzählen und zeigen wollte, teils, weil er sich erhoffte, hunderte von billigen China-Taschenlampen, Uhren und anderen Dingen für Gold und Silber verkaufen zu können. Er hatte sich sogar Ort und Zeit so ausgewählt, dass er nicht als Hexe verbrannt werden würde und sich kurz mit sprachlichen und kulturellen Gegebenheiten auseinander gesetzt. Doch trotz seiner Vorbereitungen ging sein Sprung in die Vergangenheit nicht so aus, wie er es sich vorgestellt hatte. Es wurde gerade Nacht, es regnete, und die Straße war nicht gepflastert. Er versuchte gar nicht erst, seinen Lieferwagen weiter zu bewegen, sondern legte sich einfach schlafen.

Am nächsten Morgen wurde er von wütenden Stimmen geweckt. Lautstark protestierte ein Bauer mit der Wache, das sein Wagen nicht genug Platz hatte, und dass die Wache doch “das Ding da” wegräumen sollte. Die Wache antwortete, dass er keine Möglichkeiten zum ziehen hätte, und dass er doch versuchen sollte, mit seinen Ochsen den Truck aus dem Weg zu räumen. Der Zeitreisende kicherte innerlich, kurbelte das Fenster herunter, entschuldigte sich, und startete den Motor. Von den plötzlichen Geräuschen verschreckt versuchten die Ochsen des Bauern zu entkommen, rissen den Wagen von der Straße und brachen ihm dabei ein Rad.

Der Bauer schäumte vor Wut. Der Zeitreisende hatte nicht mal versucht, Viecher vor sein Vehikel zu spannen, sondern einfach aus Boshaftigkeit Lärm veranstaltet, damit dies passierte. Doch eh er bei der Fahrerkabine angekommen war, wurde der Motor lauter und der Truck setzte sich in Bewegung. Der Zeitreisende glaubte, das Volk damit begeistert zu haben. Doch das Volk bereitete sich innerlich auf einen Gaukler vor.

Später fuhr der Zeitreisende zur Stadt und holte verschiedene Kisten aus seinem Truck. Die Uhren erwiesen sich als wenig nützlich. Nicht mal die Kirche hatte eine Uhr, der Glöckner läutete einfach immer dann, wenn die Sonnenuhr auf die volle Stunde zeigte. Einige Städter kauften aus neugier ein paar Uhren, doch einen guten Grund, in der Nacht die Zeit messen zu wollen, hatte keiner parat. Die Taschenlampen hingegen fanden schon eher anklang. Viele Leute kauften sie. Und als die Leute zuhause ihre Taschenlampen probierten und den vielen Dreck sahen, der bei Tageslicht in den Hütten verborgen bleibt, hörten sie auf, sie zu benutzen. Offensichtlich war es die Flamme in der Lampe, die zwar kühl war, aber dafür alles verschmutzte. Die Leute rollten mit den Augen, hatte doch der Zeitreisende kurz vorher intensiv den Zusammenhang zwischen Unsauberkeit und Krankheiten besprochen. Typischer Quacksalber.

Gegen Abend sprachen einige Offiziere mit dem Zeitreisenden. Dieser hatte auch einige Waffen, und bot seinen Wagen mitsamt Inhalt für den militärischen Gebrauch an. Doch die Handfeuerwaffen waren laut, und der Vorteil des schnellen Schießens war vollständig durch den immensen Rückstoß, sowie die fehlende Möglichkeit des leichten Munitionsnachschubs negiert. Und der Wagen war zwar bequem und schnell, doch durch die Gummireifen, die keinem Pfeil standhielten, nicht wirklich zu gebrauchen.

Zu guter Letzt erzählte der Zeitreisende noch von der modernen Welt. Maschinen, die mehrere hundert Meilen pro Stunde zurücklegen konnten. Maschinen, die einen ganzen Bauernhof vom Mähen bis zum Dreschen arbeitslos machen konnten. Und Maschinen, die Weltkriege ermöglicht hatten, und das Potential enthielten, die Welt zu zerstören. Doch, sagte der Zeitreisende, das alles wäre nicht so schlimm. Der letzte Krieg war schon lange her, und die Menschen wurden uralt, Kinder starben seltenst und grundsätzlich strebte alles in Richtung Utopie, wo niemand mehr leiden müsse.

“Ersetzt deine Utopie mir mein Rad, oder was?”, rief der Bauer in die Ausführungen des Zeitreisenden. Der Zeitreisende versuchte, sich herauszuwinden, doch es gab keinen Ausweg. Der alte Bauer hatte die Sympathien der Stadt hinter sich. Mit dem Ersatzreifen des Trucks konnte der Bauer herzlich wenig anfangen, und weil der Zeitreisende zum Zusammenzimmern von Rädern nichts taugte, blieb ihm nur übrig, seine Münzen abzugeben. Und zwar die richtigen, mit Prägung des Königs, und nicht diese merkwürdigen silbernen Dinger mit Goldrand, wo eine Karte und seltsame Zeichen drauf abgebildet waren. Der Zeitreisende stieg in den Wagen, um das Geld zu holen, überlegte es sich aber anders, schloss die Tür und brauste zurück in die Zukunft. Die paar Kisten China-Müll waren nichts im Vergleich zu einer Sammlung frühmittelalterlichen Münzen.

Der Bauer lachte. Sollte der Quacksalber doch mit dem bisschen Geld weg kommen. Bis er sich neue Ware beschafft hatte, wüssten alle Dörfer in der Umgebung, wie mit Zeitreisenden umzugehen sei, die nicht mal Zinn von Silber unterscheiden konnten.

Der Tyrann und das Mädchen

Der Tyrann hatte vieles versprochen. Wohlstand und Sicherheit für alle. Die Kinder des Kinderheims hatten davon nicht viel mitbekommen. Bis eines Tages der Tyrann die große Säuberung begann und seine Schergen anwies, alle Einrichtungen der Religion zu zerstören. Das Kinderheim war eine Einrichtung der Religion. Das Mädchen verlor die meisten ihrer Freunde, vielleicht erlebte es auch schlimmeres. Das Mädchen redete selten über diesen Tag.

Ein paar gute Menschen nahmen die übrig gebliebenen Kinder bei sich auf. Sie hatten weder Geld, Zeit noch Platz, um den Kindern ein gutes zu Hause zu bieten. Die Kinder spielten deshalb meist auf dem Dachboden des Mehrfamilienhauses, oder auf dem Dach selbst. Manchmal fiel ein Kind herunter. Dann kam ein Krankenwagen und holte das Kind ab. Zurück kam niemand.

Eines Tages trommelte die neue Mama ihre Kinder zusammen und wollte mit ihnen in den Freizeitpark gehen. Die neue Mama hatte eigentlich nicht das Geld dafür. Doch sie wollte den Kindern den Anblick des Tyrannen, der am Nachmittag auf dem alten Marktplatz vor dem Haus eine Rede halten sollte, ersparen. Das Mädchen hörte diesen Aufruf nicht, sie war die letzte beim Versteckspiel und fiel nicht auf den alten „Mama hat gesagt, du sollst raus kommen“-Trick herein.

Nach einigen Stunden – vielleicht waren es auch nur 15 Minuten – wurde dem Mädchen langweilig und es begann, aus seinem Versteck herauszukriechen. Gerade, als sie das tat, kamen schwere Schritte die Treppe hinauf. Das Mädchen krabbelte schnell zurück, doch erreichte nicht mehr die Kiste, in der sie gelegen hatte. Und die dunkle Ecke, in der sie war, schützte sie nicht vor der Taschenlampe des Polizisten. Das Mädchen quiekte, der Polizist zückte die Pistole.

„Du hast mir einen ganz schönen Schrecken eingejagt, Kleine.“
„Du mir auch.“
„Ich muss rauf aufs Dach, kannst du zu deinen Eltern zurückgehen?“

Als der Polizist seinen Sniper-Posten auf dem Dach bezogen hatte, hörte er die Fußpatscher des Mädchens.

„Warum bist du wieder hoch gekommen?“
„Meine Eltern sind nicht da und meine Freunde auch nicht. Kann ich hier bleiben?“
„Na gut. Aber bleib hinter dem First, ich muss den Platz bewachen.“
„Warum?“

Die Menge auf dem Platz jubelte. Der Tyrann betrat die Bühne.

„Kennst du den Mann da?“, fragte der Polizist.
„Ja, er hat die große Säuberung gemacht. Sollst du ihn erschießen?“
„Haha, nein. Ich soll verhindern, dass heute jemand erschossen wird.“
„Und wie verhinderst du das?“
„Naja, ich… ääähm…“ Dass er den Täter erschießen würde, um zu verhindern, dass sein Chef erschossen wurde, machte irgendwie keinen Sinn zu erklären.
„Ist ja auch egal. Viel Spaß beim Bewachen vom Platz, ich guck mal, ob es den Ratten gut geht.“
„Du hast Ratten als Haustiere? Das ist ja interessant.“
„Nein, hab ich nicht,“ sagte das Mädchen und hopste hinunter auf dem Dachboden.

In dem Gerümpel auf dem Dachboden konnte man durchaus interessante Sachen finden. Zum Beispiel ein Metallrohr mit Griff, das man hinten drehen konnte und dann verwenden konnte, um auf die Ratten zu schießen. Das Mädchen wollte aber keine Ratten schießen, sondern Tyrannen.

Der Polizist auf dem Dach lag am First und betrachtete einen Tumult in der Menge. Jemand hatte sich ausgezogen und holte aus, um irgendetwas nach dem Tyrannen zu werfen. Der Polizist entsicherte seine Waffe, doch ein Sniper von einem anderen Dach war schneller. Der Polizist kicherte und drehte sich zum Mädchen um.

„Lassen Sie sich das besser noch mal durch den Kopf gehen“, rief der Tyrann dem nun leblosen Angreifer in der Menge zu. Die Menge grölte, und niemand hörte den Schuss der alten Spionswaffe auf dem Dach. Der Polizist lag noch in genau der gleichen Haltung wie vorher, doch sein Gewehr war nun in den Händen des Mädchens. Das Mädchen plante die weitere Vorgehensweise: Pistolen tauschen, Gewehr abfeuern, Pistole verstecken, sich selbst verstecken. Teil eins war einfach.

Das Gesicht des Tyrannen verzog sich zu einer hässlichen Grimasse. So sah er immer aus, wenn er über die Religion des Mädchen redete. Oder überhaupt über irgendwas, was mit dem Mädchen in Verbindung stand.
Das Mädchen glaubte nicht mehr an irgendwelche übergeordnete Kräfte. Sie war jetzt ihre eigene Kraft, und der Tyrann in ihrem Fadenkreuz.

Der Schuss fiel und fiel und fiel, das starke Echo erschwerte die Ortung der Quelle. Das Mädchen hopste auf den Dachboden hinunter und versteckte die neue Pistole wieder zwischen den alten Rohrverbindungen und dann sich selbst in der Kiste. Ein Trupp schwerer Schritte lief die Treppe hinauf und stoppte auf dem Dachboden. Nur um dann weiter aufs Dach zu laufen. Der Fall war klar: Der Polizist war eigentlich ein feiger Attentäter, der sich mit einer alten Spionswaffe des Feindes das Leben nahm, um der Gerechtigkeit zu entgehen.

Die Truppe ging wieder die Treppe hinunter, bis auf einen, der den Tatort bewachen sollte. Einige Stunden später – oder waren es 15 Minuten? – kamen Kinder die Treppe hoch. Bevor der Wächter sie zurückweisen konnte, sah er eine Bewegung im Augenwinkel und erschoss das Mädchen, das aus der Kiste krabbelte.

Luis und Lotte

Lotte und Luis saßen an der Glut eines ehemaligen Lagerfeuers. Luis hatte es ausgetreten, um Lotte zu signalisieren, dass es sicher war, zu kommen.

Jetzt saßen die beiden und lagen sich in den Armen. Sie redeten nicht; sie wussten, dass sie heute das letzte mal zusammen sein würden. Und Worte würden alles nur verschlimmern. Also schwiegen die beiden zusammen und versuchten, nicht an Morgen zu denken. Die Nacht war nicht besonders in irgendeiner Form, die Lichter der nahegelegenen Stadt verdeckten die Sicht auf die Sterne größtenteils, allein die Venus war sichtbar, dicht am Horizont, sowie ein ganz schmaler Streifen des fast-Neumonds. Vom Stadtberg aus konnte man fast alle Hochhäuser überblicken. Hätten die beiden etwas weiter nach rechts geguckt, hätten sie die Arena gesehen, eine recht kleine, überdachte Halle, in die nur geladene Gäste kamen, um sich alternativen Sport anzugucken.

Die Gäste der Arena waren meist irgendwelche reiche und hohe Tiere, die normale Sportarten nicht mehr vom Hocker reißen konnte: Das Gefühl vom Wert des Geldes ist logarithmisch und ihr Reichtum machte Wetten langweilig. Der langjährige Oberbürgermeister und Freund des Präsidenten hatte daher die Idee, einen Konferenzraum Sporttauglich zu machen, in denen die Einsätze höher waren, es sollte um Leben und Tod gehen. Wer wollte, konnte selbst in den Ring treten, aber meistens wurden Söhne, Cousins oder loyale Mitarbeiter der Unternehmen aufeinander losgelassen. Die Kämpfer waren davon natürlich nicht sonderlich begeistert und wollten oft nicht kämpfen, also wurde für sie der Kampf mit Zuckerbrot, Peitsche und Hilfsmittel schmackhaft gemacht: Dem Gewinner winkten Frauen, Geld und Macht, dem Kampfunwilligen eine stetig steigende Spannung im Elektrohalsband und eine steigende Temperatur der Bodenplatten. Unter Drogen waren sie sowieso.

Manche Kämpfer versuchten diese illegalen Aktivitäten der Polizei zu melden, sie wurden zur ihren eigenen Sicherheit in eine Zelle gesperrt – die sich am nächsten Tag doch nur als Raum in der Arena entpuppte. Manche Kämpfer versuchten zu fliehen, doch die strengen Grenzkontrollen, die die Ausländer von der Einreise abhalten sollten, funktionierten auch vorzüglich um Flüchtlinge nach draußen zu fangen. Manche versuchten sich zu verstecken, doch die Städter halfen gerne mit, Schwerstkriminelle aufzuspüren, insbesondere, wenn sie aus der reichen Elite kamen. Es war ein Zeichen, dass es in der Stadt eben keine Korruption gab, wenn selbst der Sohn des reichsten Industriellen gefangen genommen werden konnte und zu Tode verurteilt.

Lotte und Luis waren indes im Streit. Luis meinte, dass sie in der Arena kämpfen sollte, so würde zumindest einer überleben und den anderen auf ewig im Herzen weitertragen können. Lotte wollte direkt in die Ewigkeit eintreten. Und so verbrachten sie ihre letzte Nacht zusammen. Liebend, streitend, dreimal wurde ihnen auch heiß.

Am nächsten Vormittag wurden die beiden gefunden und kampffertig gemacht. Als die Türen sich öffneten, hielten beide sich die Pistole an den Kopf. Luis drückte zuerst ab. Lotte brach ihr Versprechen und lebte mit der Schuld.

Naturinfluencer

Ein Mann ging gerne durch die Natur, fernab der Wege. Zum einen mochte er die Stille, zum anderen waren die Städte und Wegesränder immer so vollgemüllt. Hier, fernab jeglicher Zivilisation, gab es keinen Müll, und wenn es welchen gab, dann war es sein Müll, aber der war so wenig, dass es die Natur wohl kaum stören würde, und er hatte meist sowieso keine Plastikverpackungen, sondern Papiertüten, die recht schnell verwesen würden, oder eben Aluminium. Das verwest zwar nicht, aber Aluminium ist ein natürliches Element, damit wird die Natur natürlich mit klar kommen.

Der Mann war oft in der Natur, es war sein Beruf. Er war Influencer und verdiente sein Geld damit, diverse Outdoor-Produkte anzupreisen. Früher ist er dafür viel durch die Welt gereist, aber er hatte mittlerweile einen Flecken der Erde gefunden, wo Berge, See, Wald und etwas weiter weg sogar eine Wüste recht bequem zusammen lagen. Hier hatte er sich ein kleines Haus hingebaut, denn der Outdoor-Krams wurde nach einer Weile doch unbequem. Das Haus war zwar im Naturschutzgebiet, aber die Behörden würden es nicht finden, mitten im Wald zwischen den Bäumen.

Der Mann wollte zum Gipfel des Berges gehen, wie schon so oft zuvor. Heute war aber jemand anderes da. Die beiden kamen ins Gespräch, der Mann sprach vom Wetter, der Neuankömmling vom Müll, den er fast jeden Meter gesehen haben wollte. Der Mann wollte den Müll nicht gesehen haben, bei so viel Natur würde ein einzelnes Stück Müll ja schwer zu sehen sein. Dass er so vorsichtig um den Busch, in dem Toilettenpapier hing, herumgegangen war, erklärte er damit, dass öfters hier war und dass es besser war, seine Hinterlassenschaften auf eine Stelle zu konzentrieren. Der Neuankömmling stimmte ihm zu.

Da es Abend wurde, wollte der Mann zu seiner Hütte ins Bett gehen, diese sollte der Neuankömmling aber natürlich nicht sehen. Er drängte den Neuankömmling dazu, ihm sein Lagerplatz zu zeigen, jener war zunächst ausweichend, kam aber nicht darum herum. Als sie am Lagerplatz ankamen, brach der Mann in Gelächter aus. Müllbeutel an Müllbeutel stapelten sich um das Zelt herum, bei so viel Müllproduktion sollte man am besten in der Stadt bleiben. Der Neuankömmling meinte, dass es sich hier primär um Papier- und Aluverpackungen handelte, sowie um zwei Beutel vierlagigem Toilettenpapier, doppelgefaltet. Der Mann lachte, sowas in der Art hatte auch er, um die Natur zu schonen. Wobei er nur dreilagiges Papier verwenden würde.

Der Mann ging zu Bett, und wollte am nächsten Morgen wieder zum Neuankömmling gehen, von ihm fehlte aber jede Spur. Er ging noch eine Weile durch die Gegend und dachte darüber nach, ob seine Müllproduktion wirklich so schlimm war, kam aber zu dem Schluss, dass dem nicht so sei, denn er konnte keinen Müll finden. Sogar das Toilettenpapier am Busch des Gipfels war bereits weg, wahrscheinlich vom Winde verweht.

Gegen Mittag bekam er Hunger und ging zu seiner Hütte zurück. Als er die Tür öffnete kam ihm ein bestialischer Gestank entgegen. Seine gesamte Hütte war vollgestopft mit Mülltüten. Mülltüten mit halb aufgeweichten Papiertüten mit Bananenschalen. Mülltüten mit Toilettenpapier. Mülltüten mit verschiedenen Saucen in Einweg-Aluschalen. Er fing an zu Würgen, hatte aber kein Volumen, was er verteilen konnte. Er zuckte zusammen, als eine Hand ihn von hinten an der Schulter berührte. Ist das deine Hütte, fragte die Hand. Ja, das ist aber kein Grund mir direkt deinen Müll reinzuwerfen, sagte der Mann verärgert und drehte sich um.

Die Hand gehörte nicht zu dem Neuankömmling, sondern zum Parkwächter. Dann muss ich dich jetzt mitnehmen, sagte er.

Der Mann versuchte, seinen Fall zu gewinnen, in dem er Anklage vorwarf, keine Beweise zu haben. Doch die Anklage hatte seine Influencer-Photos.

Spieglein, Spieglein

Daphne wachte auf und war verwirrt. Es war noch dunkel. Eigentlich merkwürdig, denn er hatte sich den Wecker auf 7 Uhr gestellt, und der klingelte gerade. Ein weiterer Blick aufs Handy klärte ihn auf: Zeitumstellung, die letzte. Ab jetzt würde es permanente Sommerzeit geben.

Daphne knipste seine Nachttischlampe an und seufzte. Die Birne hatte er schon gestern ersetzen wollen. Zum Glück hatten ihn zahlreiche Mitternachtshappen auf diesen Moment vorbereitet, er konnte sich mittlerweile auch ganz gut auch ohne Hilfe der Zehstoßnavigation durch seine Wohnung bewegen und auch ohne Sicht Brote schneiden und schmieren. Ein paar Brote und Seiten seiner e-Zeitung später – er war von Webseiten auf e-Zeitung umgestiegen, um nicht die ganze Zeit in sinnlose Kommentarsektionen blicken zu müssen – seufzte er erneut, legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Zeitumstellungen passieren doch nicht vom Sonntag auf Montag. Er hätte sich gar keinen Wecker stellen müssen.

Er öffnete die Augen wieder und sah sein Smartphone. Er senkte den Kopf und sah sein Smartphone nochmal. Daphne konnte sich darauf keinen Reim machen. Hatte jemand einen Spiegel an seiner Decke montiert? Er hatte seit Ewigkeiten niemanden mehr zu Besuch gehabt. Er sah sich weiter um, und in der Tat, links und rechts von ihm war auch eine Spiegelung zu sehen. Was ein Prank. Er stand auf und ging zum Lichtschalter um das Außmaß dieses Streiches festzustellen. Der Schalter klickte und er verlor sofort das Gleichgewicht. Es gab keinen Boden. Es gab keine Wände. Es war nur eine ewige Reflektion der Glühbirne in alle Richtungen. Der Küchentisch war nirgends zu sehen, er musste entweder unsichtbar sein, oder auch verspiegelt worden sein. Sein Smartphone war offensichtlich auch verspiegelt worden, doch der Bildschirm war immernoch gut sichtbar. In jede Richtung. Daphne traute sich nicht mehr zu gehen und versuchte stattdessen zum Tisch hinzukrabbeln. Der Klang einer Tür, gegen die er sich den Kopf gestoßen hatte, ließ ihn innehalten. Er war in die falsche Richtung gekrabbelt.

In einem Anflug von Genialität schloss Daphne die Augen erneut. Zahlreiche Mitternachtshappen hatten ihn auf diesen Moment vorbereitet. Mit der Tür zur Reorientierung fand er schnell den Tisch, den Küchenstuhl und, als er die Augen öffnete, auch sein Smartphone. Doch was er sonst noch sah, verunsicherte ihn noch mehr: Sein Brot spiegelte. Und er selbst spiegelte. Er wusste nicht, was er tun sollte, also versuchte er ein Gebet.


Gott wunderte sich nicht über den plötzlichen Anstieg von Bugreports der Simsubjekte. Die Sysadmins testeten ihre Patches nicht genügend und begründeten das damit, dass sie nicht genug Zeit hätten. Gott rollte mit den Augen und hatte schon versucht, die Verantwortlichen davon zu überzeugen, dass sie durchs Testen der Patches sich Emergencyfixes und Rollbacks so viel Zeit und Stress sparen würden – vergeblich. Stattdessen hatten sie ihm verboten, mehr zu machen als die Simulation zu pausieren und zurückzusetzen, aktives Eingreifen würde die Ergebnisse verfälschen, sagten sie.


Daphne wachte auf. Es war noch dunkel, doch die erste zarte Morgenröte war schon zu ahnen.

Titanic II

“Meeeerp, Meeerp”, schrien die Sirenen des Raumschiffs Eisberg.
“Was ist los?”, fragte der Kapitän.
“Ich weiß es nicht!”, der Techniker suchte fieberhaft durch die Problemmeldungen auf seinem Bildschirm.
“Irgendwas ist mit der Steuerung kaputt! Ich kann die Triebwerke nicht mehr abdrehen!”
“Auch nicht mechanisch?”
“Ich hab keine Daten vom Maschinenraum”
“Na und? Was schadet’s, wenn du mal nachguckst?”
“Es kann sein, dass wir dort ein Leck haben und dann sofort den gesamten Druck im Schiff verlieren würden.”
“Und du willst nicht sterben.”
“Genau.”
“Gute Einstellung.” Der Kapitän blieb weiterhin seelenruhig. “Aber du weißt schon, dass wir gerade voll auf Kollisionskurs mit dem Marskolonieschiff Elysium sind?”
“WAS?! Ich werde sofort…”
“Spar dir das, mein Junge. Wenn wir weltall-gekühlt gegen die knallen, spielen wir höhstens unsere namensgebende Rolle etwas besser.
“Was sollen wir sonst tun?”
“Du machst hier erstmal diesen Sirenenkrams aus. Ich werde mal rüberfunken und den dadrüben die Situation verklickern, und dann hier die Evakuierung einleiten. Wenn du fertig bist, kannst du im Prinzip schon direkt gehen.

Das Kabel der Sirene durchzuschneiden ging schnell.

“Oh man”, sagte der Techniker. “Wir werden in die Geschichte eingehen als der Eisberg, der die Elysium versenkte.”
“Das wäre in der Tat ironisch. Ähnlich der Titanic ist die Elysium ja ebenfalls nur so voller reicher Säcke.”
“Hey! Sie haben ein Drittel der Plätze an normale Leute verlost.”
“Glaubst du, das ist fair?”
“Spielst du auf die Hacking-Vorwürfe an? Ich glaube nicht, dass an denen was dran ist, das wurde bestimmt von irgendwelchen Neidern in die Welt gesetzt.”
“Das meinte ich eigentlich nicht, aber jetzt ist irgendwie auch nicht die Zeit, um moralisch und ethisch über sozialistisches Lotto zu sinnieren. Geh schon mal, ich kümmere mich um den Rest. Null Island wäre ein gutes Evakuationsziel.”
“Das ist doch mitten im Ozean?”
“Genau. Wir wissen nicht, was hier alles noch kaputt ist und wie genau die Katapulte sind, da würde dir also am wenigsten passieren. Ich geb das auch über Funk weiter.”
“Aye-aye, Käpt’n! Setze Kurs auf Null Island.”

“Maydaymaydaymayday, Eisberg an Elysium, bitte kommen.”
“Mayday, Elysium an Eisberg, setze deine Meldung fort.”
“Eisberg an Elysium, unsere Steuerung ist defekt und wir sind auf Kollisionskurs mit euch. Wir evakuieren und schlagen vor, dass auch ihr das tut.”
“Können wir ausweichen, Eisberg?”
“Negativ, die Elysium ist das Reiseziel des Computers.”


“Elysium an Eisberg, wir haben weitestgehend evakuiert. Bitte nennt Reederei oder Versicherungsnummer durch für polizeiliche Zwecke.”
Der Kapitän hustete und röchelte: “Eisberg an… Elysium. Hier ist ein Feuer ausgebrochen! Evakuiere sofort in Richtung Null Island, dort werdet ihr uns finden.”
“In Ordnung Eisberg.”

Die Eisberg war in der Zwischenzeit in Sichtweite der Elysium angekommen. Der Kapitän sah, wie die fensterlosen Rettungskapseln Richtung Erde huschten, gefolgt von einer Kapsel, die eher einer Edelvilla glich – sie war zweifelsohne dem elysianischen Kapitän und anderen Würdeträgern vorbehalten. Die Edelkapsel hatte zwar große Panoramafenster, diese waren allerdings aufgrund des nahenden Wiedereintritts in die Atmosphäre geschlossen.

Der Kapitän steckte das USB-Kabel der Lenkanlage wieder hinein und steuerte auf die Landebucht zu. Die Piraten auf der Eisberg begrüßten die verbliebenen Lotteriehacker auf der Elysium herzlich. Der Arm des Gesetzes würde sie auf dem Mars nicht erreichen.