Sport und Gewalt

Ein Gedanke, der mir seit Jahren immer mal wieder im Kopf herumschwirrt, ist folgende Positionierung des Deutschen Olympischen Sportbunds zum Thema eSports:

Eine weitere Entscheidungsgrundlage war der Inhalt der Spiele und die entsprechende Darstellungsform am Bildschirm. In vielen Spielen ist die Vernichtung und Tötung des Gegners das Ziel des Spiels. Insbesondere die deutlich sichtbare und explizite Darstellung des Tötens von virtuellen Gegnern ist mit den ethischen Werten, die wir im Sport vertreten, nicht vereinbar.

https://www.dosb.de/ueber-uns/esport

Ohne da jetzt tief aufzudröseln, ist der Gedanke hier verständlich: Wenn in CS:GO die Terroristen Bomben legen und Kopfschüsse verteilen, ist das eine wesentlich andere Hausnummer als wenn Bayern München einen Luft-und-Gummi-Ball in ein Netz schießt. Allein schon vom Jugendschutzgedanke ist das eine ganz schlechte Idee – und selbst CS:GO-Spieler wollen bestimmt keine Jugendteams voll mit 8- bis 13-Jährigen in ihren Pubs sehen.

Wenn man aber diesen Gedanken ein bisschen weiter verfolgt, öffnet sich schnell eine ethisch komplexe Thematik, nämlich die der Gewaltdarstellung in olympischen Sportarten. Eine ganze Reihe von Sportarten basiert zu großen Teilen auf schwierigen und teilweisen heute verbotenen Praktiken. Zum Beispiel:

  • Fechten ist Form des Duells. Duelle waren bis vor “kurzem” (19. Jh) ein Weg, seine Ehre wiederherzustellen, in dem man den Ehrekränker (also jemand, der dich beleidigt o.ä. hat) auf faire Weise im Duell bekämpfte und ggf. verletzte oder tötete.
  • Diverse Formen des Schießens (Bogenschießen, Pistolenschießen, Biathlon etc.) funktionieren als eine Form der Soldatenausbildung, einzig das Ziel muss durch feindliche Köpfe ausgetauscht werden. Biathlon insbesondere basiert auf der Sportart (?) “Militärpatroullie“, bei der 4 Athleten 30km auf Ski unterwegs waren und auf halber Strecke mit 18 Schuss pro Nase auf Zielscheiben schossen.
  • Der moderne Fünfkampf basiert auf schwedischer Soldatenausbildung. Die Disziplinen Fechten, Pistolenschießen, Schwimmen, fremde Pferde reiten und Laufen repräsentieren ganz gut, was man so erwarten kann, wenn man sich hinter die Feindeslinie gekämpft hat, die Munition ausgegangen ist und man auf geklauten Pferden wieder zurück will.

Natürlich haben Athleten dieser “PvZielscheibe”-Sportarten nie die Absicht oder die Illusion, jemanden zu töten. Und auch in der PvP-Abteilung sind KOs gewünscht und Hirnverletzungen und längerfristige neuropsychiatrische Erkrankungen geduldet, aber getötet werden soll keiner. Gleichzeitig ist eSportlern ebenfalls bewusst, dass der Headshot in CS:GO nicht vergleichbar ist mit der Tötung eines echten Menschen.

Ich könnte an dieser Stelle noch eine ganze Weile weitermachen, mit weiteren Gegenargumenten gegen die DOSB-eSport-Entscheidung, oder einer weiteren Analyse des DOSB Ethik-Codes (der, Überraschung, nichts von Gewaltdarstellungen oder Tötungen erwähnt), aber das alles wäre politische Diskussion.

Viel mehr interessiert mich dieser ganze historische und ethische Komplex von Sport und Gewalt. Warum basieren so viele Spiele und Sportarten auf Gewalt? Auf Grund von Tribalismus? Wenn ja, warum werden diese Sportarten nicht weiter hinterfragt? Wollen wir als Gesellschaft nicht vom Tribalismus weg kommen? Müssen Sportarten hinterfragt werden? Und so weiter.

Ich habe noch keine Antworten auf diese Fragen. Vielleicht gibt es irgendwann einen 2. Teil hierzu, vielleicht inspiriert er Leser:innen zur weiteren Recherche. Ich würde mich auf jeden Fall zu weiteren Infos hierfür freuen.