Zeitumstellung, Powernapping und der Bungsberg: Ein Kommentar

Alle halbe Jahre wieder findet eine leidige Diskussion über die Zeitumstellung statt. Eine Zeitumstellung, die sowohl im Krieg als auch in den 80ern eingeführt wurde, um Energie zu sparen. Eine Zeitumstellung, die dieses Ziel komplett verfehlt.

Stattdessen werden nun irgendwelche vage gesundheitliche Argumente hervorgekramt, die alle nach genauerer Betrachtung zerbröseln: Zwar gibt es am Montag nach der Zeitumstellung mehr Todesfälle, in der gesamten Woche aber nicht. In anderen Worten: Wer aufgrund der Zeitumstellung verreckt, hätte die Woche auch sonst nicht überlebt.

Und egal, welche theoretischen Vorteile die Sommer- bzw. Winterzeit mit sich bringt: Etwa die Hälfte der Bevölkerung wacht nicht ausgeschlafen auf. Das Problem ist nicht die Zeitumstellung, das Problem ist, dass die Gesellschaft gesundheitsschädliche Arbeitsstrukturen erzwingt: Starre Arbeitszeiten, die ohne jeglichen Grund von einem verlangen, vor der Morgendämmerung aufzustehen. Ohne diese Strukturen hätte die Zeitumstellung keine Auswirkungen auf irgendwas.

Der selbstgeschaffene Schlafmangel ist, anders als die Zeitumstellung, kein halbjähriges Trivialproblem. Er ist ein permanentes Problem, das einen signifikanten volkswirtschaftlichen Schaden verursacht: Durch gesenkte Produktivität gehen in Deutschland 200 000 Arbeitstage pro Jahr verloren, was einem BIP-Verlust von 52 Mrd. € entspricht. Nur durch Schlafmangel.

Doch die Produktivität ist nicht die einzige, die leidet. Viel schlimmer erwischt es die Kreativität. Das wird besonders beim Jetlag deutlich: In diesem mental eher vegetativen Zustand kann man zwar noch durchaus funktionieren und Befehlen von Sicherheitspersonal und Wegweisern folgen, aber ansonsten ist die Birne eher Notleuchte als Ideenflutlicht.

Der kollektive Schlafmangel wäre über viele Wege bekämpfbar: Flexiblere und kürzere Arbeitszeiten, eine Kultur, die den Mittagsschlaf auf der Arbeit nicht nur zulässt sondern fördert, vielleicht sogar eine Verbesserung der Luft-, Licht- und Lärmsituation.

Das Konzept von Powernapping und Mittagsschlaf führt dann auch wieder das Zeitumstellungsargument „mehr Tageslicht haben“ ad absurdum. Es ist gesünder und produktiver, ein paar der hellsten Sonnenstunden auszulassen, um mitten am Tag zu schlafen. Warum dann auf Teufel komm raus versuchen, den Tag so zu drehen, dass man mehr Sonnenstunden hat? Damit abends beim Fernsehgucken die Sonne noch blenden kann?

Die Lösungen, die die Zeitumstellung zu bringen scheint, sind höchstens symbolisch. Was auch sonst, schließlich wird die Uhr ja nur ein wenig vor- bzw. zurückgedreht. Es ist so, als wollte man den höchsten Berg der Welt suchen und nur den Bungsberg finden. Es gibt einfach bessere Lösungen als die Zeitumstellung, und das Verfolgen dieser Lösungsansätze macht die Zeitumstellung überflüssig. Genauwie der Bungsberg überflüssig wird, sobald man eine ernstzunehmende Skipiste in Schweden oder der Schweiz findet.

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