Normalerweise nicht

„Oh, da ist er ja.“ Sie erkannte ihn an seiner leicht gekrümmten Haltung, dreckigen Kleidung und dem bunten Rucksack. Er bemerkte sie nicht, obwohl sie die einzigen beiden in der Gasse zu später Stunde waren.
Normalerweise hätte sie an dieser Stelle aufgehört. Beim nächsten Treffen hätte sie einen Icebreaker gehabt, „ich hab dich gestern gesehen“, um das Gespräch zumindest für ein, zwei Minuten zu leiten. Ihm musste man leider alle Konversation aus der Nase ziehen.
Doch heute hatte sie eigentlich nichts weiter vor. Also beschloss sie, ihm zu folgen. Unbeirrt ging er weiter die Gassen entlang, in den Park hinein, in dem tagsüber Kinder spielten, in dem abends gegrillt wurde, und in dem nachts höchstens noch schlafende Vögel waren.

In einer Kurve verlor sie ihn aus den Augen, so wie alles andere auch. Vor ihr war finsterste Dunkelheit, und aus dieser Dunkelheit kamen keine Schritte. Noch bevor sie Angst bekommen konnte, kam von hinten eine ruhige Stimme, seine Stimme.

„Was führt dich hierher?“
Normalerweise hätte sie sich erschreckt. Doch seine Stimme war in jeder Situation beruhigend. Er hätte eigentlich mal Hörbücher einsprechen sollen. Niemand hätte die Geschichte mitbekommen, spätestens nach dem 5. Satz wäre die gesamte Bevölkerung in einem meditativen Zustand.
„Ich…“ … wollte deine Aufmerksamkeit bekommen war zwar ihr ursprüngliches Ziel gewesen, doch konnte nicht erklären, warum sie ihm so lange gefolgt war.
„Ist schon okay.“

Stille. Die Dunkelheit hatte sich weiter ausgebreitet. „Komm einfach mit. Es ist sowieso nur ein Traum.“ Die Dunkelheit ergriff ihre Hand und zog sie vorwärts. Für eine Weile fühlte sich der Boden glatt wie Eis an, bis es plötzlich wieder hell wurde, als ob sie aus einem Tunnel in einen Herbstabend herauskämen. Erst jetzt erkannte sie, dass das Eis kein Eis war, sondern ein Pfad aus purem Nichts. Sie bewegten sich aus luftiger Höhe einer Höhle, nein, eher Felsveranda zu.

„Wo sind wir?“
„An einem anderen Ort zu einer anderen Zeit“, hätte er sagen können. Doch der Drache, der sie aus der Veranda begrüßte, beantwortete ihre Frage vollends.
„Und?“, fragte der Drache. „Hat’s geklappt?“
Er holte wortlos eine Thermostüte aus seinem Rucksack. Aus der Tüte holte er zwei Eier und gab sie dem Drachen.
„Wenn du sie warm hältst, sollte das was werden, ja.“

Der Drache raschelte fröhlich umher und platzierte die Eier in sein Nest.

„Wir sind hier durch“, sagte er zu ihr.
„Jetzt schon? Aber wir sind doch gerade erst angekommen!“
„Ja. Wir müssen jetzt aber trotzdem wieder zurück.“
„Aber ist das nicht mein Traum? Kann ich nicht bestimmen, wann und wie es weitergeht?“
Er antwortete nicht, setzte sich ans Nest und lehnte sich an den Drachen, der mittlerweile effektiv wie eine Katze zusammengerollt war. Sie legte ihren Kopf in seinen Schoß.
Normalerweise hätte sie ihn jetzt ausgefragt. Normalerweise hätte er jetzt so kurz wie möglich geantwortet. Doch heute saßen sie für eine Weile still und guckten in den Sonnenuntergang, bis er von allein von diesem Ort erzählte, bis sie einschlief.

Als sie am nächsten Morgen in ihrem Bett aufwachte, war sie glücklicher als sonst und wusste nicht, warum. Vielleicht hatte sie einen schönen Traum.
Doch normalerweise hinterließen Träume kein Moos, Äste und anderes Nistmaterial in ihrem Haar.

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