Naturinfluencer

Ein Mann ging gerne durch die Natur, fernab der Wege. Zum einen mochte er die Stille, zum anderen waren die Städte und Wegesränder immer so vollgemüllt. Hier, fernab jeglicher Zivilisation, gab es keinen Müll, und wenn es welchen gab, dann war es sein Müll, aber der war so wenig, dass es die Natur wohl kaum stören würde, und er hatte meist sowieso keine Plastikverpackungen, sondern Papiertüten, die recht schnell verwesen würden, oder eben Aluminium. Das verwest zwar nicht, aber Aluminium ist ein natürliches Element, damit wird die Natur natürlich mit klar kommen.

Der Mann war oft in der Natur, es war sein Beruf. Er war Influencer und verdiente sein Geld damit, diverse Outdoor-Produkte anzupreisen. Früher ist er dafür viel durch die Welt gereist, aber er hatte mittlerweile einen Flecken der Erde gefunden, wo Berge, See, Wald und etwas weiter weg sogar eine Wüste recht bequem zusammen lagen. Hier hatte er sich ein kleines Haus hingebaut, denn der Outdoor-Krams wurde nach einer Weile doch unbequem. Das Haus war zwar im Naturschutzgebiet, aber die Behörden würden es nicht finden, mitten im Wald zwischen den Bäumen.

Der Mann wollte zum Gipfel des Berges gehen, wie schon so oft zuvor. Heute war aber jemand anderes da. Die beiden kamen ins Gespräch, der Mann sprach vom Wetter, der Neuankömmling vom Müll, den er fast jeden Meter gesehen haben wollte. Der Mann wollte den Müll nicht gesehen haben, bei so viel Natur würde ein einzelnes Stück Müll ja schwer zu sehen sein. Dass er so vorsichtig um den Busch, in dem Toilettenpapier hing, herumgegangen war, erklärte er damit, dass öfters hier war und dass es besser war, seine Hinterlassenschaften auf eine Stelle zu konzentrieren. Der Neuankömmling stimmte ihm zu.

Da es Abend wurde, wollte der Mann zu seiner Hütte ins Bett gehen, diese sollte der Neuankömmling aber natürlich nicht sehen. Er drängte den Neuankömmling dazu, ihm sein Lagerplatz zu zeigen, jener war zunächst ausweichend, kam aber nicht darum herum. Als sie am Lagerplatz ankamen, brach der Mann in Gelächter aus. Müllbeutel an Müllbeutel stapelten sich um das Zelt herum, bei so viel Müllproduktion sollte man am besten in der Stadt bleiben. Der Neuankömmling meinte, dass es sich hier primär um Papier- und Aluverpackungen handelte, sowie um zwei Beutel vierlagigem Toilettenpapier, doppelgefaltet. Der Mann lachte, sowas in der Art hatte auch er, um die Natur zu schonen. Wobei er nur dreilagiges Papier verwenden würde.

Der Mann ging zu Bett, und wollte am nächsten Morgen wieder zum Neuankömmling gehen, von ihm fehlte aber jede Spur. Er ging noch eine Weile durch die Gegend und dachte darüber nach, ob seine Müllproduktion wirklich so schlimm war, kam aber zu dem Schluss, dass dem nicht so sei, denn er konnte keinen Müll finden. Sogar das Toilettenpapier am Busch des Gipfels war bereits weg, wahrscheinlich vom Winde verweht.

Gegen Mittag bekam er Hunger und ging zu seiner Hütte zurück. Als er die Tür öffnete kam ihm ein bestialischer Gestank entgegen. Seine gesamte Hütte war vollgestopft mit Mülltüten. Mülltüten mit halb aufgeweichten Papiertüten mit Bananenschalen. Mülltüten mit Toilettenpapier. Mülltüten mit verschiedenen Saucen in Einweg-Aluschalen. Er fing an zu Würgen, hatte aber kein Volumen, was er verteilen konnte. Er zuckte zusammen, als eine Hand ihn von hinten an der Schulter berührte. Ist das deine Hütte, fragte die Hand. Ja, das ist aber kein Grund mir direkt deinen Müll reinzuwerfen, sagte der Mann verärgert und drehte sich um.

Die Hand gehörte nicht zu dem Neuankömmling, sondern zum Parkwächter. Dann muss ich dich jetzt mitnehmen, sagte er.

Der Mann versuchte, seinen Fall zu gewinnen, in dem er Anklage vorwarf, keine Beweise zu haben. Doch die Anklage hatte seine Influencer-Photos.

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