Die Scheinheiligkeit der Verwerter

Eine Gruppe von Verwertern, Zeitungs- und Zeitschriftenverlagen hat eine PR-Kampagne namens „Gerechtes Netz“ gegen Google, Amazon und Facebook (kurz GAF) gestartet. In dieser Kampagne werben sie für mehr Datenschutz, für weniger Steuerschlupflöcher, gegen Monopole und für Jugendschutz. Das Ziel dieser Kampagne ist laut einem internen Schreiben, Politiker, Beamte und Richter GAF-feindlicher zu stimmen, wohl damit sie Artikel 15 und 17 der Urheberrechtsreform (die bis Juni 2021 in nationales Recht umgesetzt werden muss) eher im Sinne der Verwerter als im Sinne von GAF umsetzen. Vielleicht auch nicht.

So weit, so uninteressant. Es ist wenig überraschend, dass die Lobbyarbeit der Verwerter da weitermacht, wo sie mit der Urheberrechtsreform aufgehört hat. Was mich aber dann doch stört ist die Scheinheiligkeit des ganzen, denn fast alles, was an GAF bemängelt wird, passiert ständig bei den Kampagneinitiatoren selbst.

Datenschutz und das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung

Es ist durchaus richtig, dass die Menge der Daten, die bei GAF anfallen, problematisch ist. Nur leisten die Verlage ihr eigenes, damit noch mehr Daten anfallen: Spiegel.de sammelt Daten mit über 60 verschiedenen Dienstleistern, inklusive Google. Manche davon sind unglaublich intransparent: Sourcepoint platziert ein Trackingpixel unter dem Namen „www.summerhamster.com“. Wie der Name schon sagt, handelt es sich hier um einen Adblock-blocker. Criteo, ein anderer Datensammler, verbindet Online-Tracking mit Offline-Tracking, wodurch einem Werbung anhand der Verweildauer in einem Geschäft personalisiert werden kann.

Sehr witzig ist auch die Strategie von derStandard.at: Wer nicht getrackt werden will, kann ein „PUR“-Abo für 6€/Monat abschließen. Dafür wird dann nur Email, Passwort, (optional) Telefonnummer, Zahlungsinformationen und eine „Eindeutige Kennung des Gerätes“ (also ein Browser-Fingerprint?) für mindestens 10 Jahre gespeichert.

Wenn man den Datenschutz zur Privatsphäre erweitert, kommt noch ein weiterer Aspekt dazu: Wie oft sieht man im BILDblog den Hinweis „Unkenntlichmachung von uns“, weil irgendwelche Medienschaffenden entschieden haben, dass eine zufällige Person in einer meist eher ungünstigen Lage ab sofort in die Öffentlichkeit und von Millionen erkannt gehört? Wie oft müssen einstweilige Verfügungen ausgestellt werden, weil Medienschaffende in das Privatleben von Personen eingedrungen sind?

Geld machen mit den Inhalten anderer

Der Grund hinter dem Leistungsschutzrecht für Presseverleger: GAF machen Geld mit Inhalten von Zeitungen. Ich werde hier jetzt nicht die Argumente gegen das LSR wiederholen, das hatten wir dieses Jahrzehnt schon oft genug, aber auch hier kommt die Scheinheiligkeit zum Ausdruck: Online-Zeitungen und Fernsehsender machen oft genug selbst Geld mit sog. „Freebooting“. Dabei wird ein „virales“ oder „irres“ Video von irgendwo genommen und manchmal mit Text oder Voiceover versehen, und dann in den eigenen Videoplayer hochgeladen, der natürlich vor dem Clip noch Werbung spielt.

Wenn Viralhog et al. das Video zur Lizenzierung anbieten, wird vielleicht lizenziert, wenn nicht, werden die Urheber meist einfach nicht von der Verwendung in Kenntnis gesetzt. Sollten die Urheber doch Wind davon bekommen, wird das Video auf Anfrage entfernt, aber zu diesem Zeitpunkt hat der „Freebooter“ schon den Großteil des Umsatzes mit dem Video eingefahren.

Monopole und Meinungsvielfalt

Die Verlegerverbände meinen, dass die Monopolstellung von Google die Wirtschaftsgrundrechte der Verlage verletzt, was die Meinungsvielfalt gefährdet und vom LSR gerettet werden kann. Für mich ein bisschen abstrakt, aber meinetwegen.

Sehr problematisch für die Meinungsvielfalt ist hingegen die zunehmende Konzentration der Zeitungen.

Egal ob man Kieler Nachrichten, Hamburger Morgenpost oder Berliner Kurier liest: Der überregionale Teil kommt vom RedaktionsNetzwerk Deutschland.
In Nordwestmecklenburg konkurrieren die Lübecker Nachrichten und die Ostseezeitung – aber der Lokalteil für beide wird von einer gemeinsamen Redaktion geschrieben.
Ich bin mit dem Flensburger Tageblatt aufgewachsen, meine Großeltern hatten den Schleiboten. Beide kommen aus dem sh:z, sehen gleich aus und hatten – abgesehen vom Lokalteil – genau die gleichen Texte. Andere Zeitungen gibt es nicht für diese Regionen. Es hat lange gebraucht, bis ich realisiert habe, dass verschiedene Zeitungen normalerwiese verschiedene Texte abdrucken sollten, und dass Meinungsvielfalt in Regionalmedien eigentlich auch vorhanden sein sollte.
Siehe auch: Der bunte Kiosk der Presselandschaft – Die Anstalt vom 22. Mai 2018.

Nun kann man sagen, dass es Googles Schuld ist, dass Redaktionen so zusammengestrichen werden müssen. Man könnte aber auch fast glauben, dass man im Angesicht der Digitalisierung neue Geschäftsideen braucht.

Jugendschutz

Der Jugendschutz ist wahrscheinlich eher ein „Innocence in Danger“-Punkt und für die Verwerter nur als Emotionsmanipulationswerkzeug zu gebrauchen, und natürlich ist auch hier die Scheinheiligkeit am Werk: einfach mal auf bild.de gehen, dann auf „news“, dann auf „BILD-Girl“, und sofort sieht man Titten ohne jegliche Altersabfrage. Oder auf „Unterhaltung“, dann „Erotik“ und ein bisschen runterscrollen, dann ist man bei „Visit-X Girls“, eine Seite, dessen Beschreibung „Amateure in der Sex-Cam, unzensierte HD-Pornofilme & Live-TV für Erwachsene“ ist. Oder auf „Video“ und dann noch mal „BILD-Girl“ oder wahlweise „sexy clips“.

Hier ist eindeutig die Unschuld in Gefahr.

Aber auch bei Nachrichten kommt es oft vor, dass verstörende Bilder und Videos in der Berichterstattung gezeigt werden. Manchmal steht was mit „enthält verstörende Bilder“ dabei, manchmal nicht, und ich habe noch nie bei Online-Zeitungen irgendeine Art von Altersverifikation gesehen, sei es „gib dein Alter ein“ oder „du brauchst einen Account [in dem dein Alter 18+ ist, aber das sagen wir dir hier nicht] um dieses Video ansehen zu können“.

Fazit

Diese PR-Kampagne macht (absichtlich) den Fehler, nur über GAF zu reden, obwohl das gesamte Internet inklusive den Initiatoren mit drinsteckt. Wenn GAF auf einmal Datenschutz ernst nehmen würde, würde sich wenig ändern, denn die gesamte Branche ist mittlerweile ein Wimmelbild, in dem es schwierig ist, die großen Player überhaupt zu finden. Und wenn Google die Mindgeek-Pornseiten komplett de-indexieren würde, würden Kinder bei der Suche nach „sexy clips“ immernoch bild.de finden.

Aber vielleicht ist jetzt ein guter Zeitpunkt, selbst die Kampagne zu erweitern, und Politiker von den Vorzügen einer starken ePrivacy-Verordnung zu überzeugen. Vielleicht fühlt die VG Media dann ihren „Wunsch nach einer breiteren Diskussion für alle Bürger“ besser erfüllt.

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